Im August wurde die diesjährige Interviewserie mit dem amtierenden Weltmeister im Skeleton, Christopher Grotheer, fortgesetzt.
Im Olympia-Stützpunkt Thüringen in Oberhof begleitete wir den Spitzensportler bei einer seiner schweißtreibenden Trainingseinheiten.









Christopher wir sind heute zu Dir in den Olympiastützpunkt Thüringen nach Oberhof gekommen, um mehr über Dich und Deinen Sport zu erfahren. Kannst Du uns kurz berichten, wie Du zu Deiner Sportart- Skeleton gekommen bist.

Bis 2007 bin ich als Skispringer an der Sportschule in Oberhof aktiv gewesen. Nachdem ich etwas zu schwer geworden bin und die Perspektive nicht mehr so gegeben war, riet mir mein damaliger Trainer dazu, doch einfach mal den Aufnahmetest beim Skeleton zu machen, da ich athletisch immer einer der Besten in meiner Trainingsgruppe war. Ich habe den Aufnahmetest bestanden und nach den ersten Fahrten auf der Bahn hat mich der Sport gepackt und ich bin dabeigeblieben.



Skeleton gehört zum Bobsport und nicht, wie viele glauben zum Rennrodelsport. Aus diesem Grund werden die Rennen auch auf Bobbahnen ausgetragen. Worin unterscheiden sich die Sportarten sich Skeleton und Rennrodeln?

Der größte Unterschied ist natürlich die Position auf dem Schlitten. Beim Rodeln liegt man auf dem Rücken und die Füße zeigen in Fahrtrichtung nach vorne. Beim Skeleton liegen wir in Bauchlage auf dem Schlitten mit dem Kopf in Fahrtrichtung nach vorne. Durch unsere Startphase liegt der Trainingsschwerpunkt auf der Schnelligkeit in den Beinen, die Rodler trainieren jedoch vermehrt den Oberkörper für ihren Start. Es gibt dennoch ein paar Parallelen, beispielsweise, dass man in beiden Sportarten das Sportgerät sehr viel über Körperbewegungen lenkt oder die Kräfte die in den Kurven auf den Körper wirken.


(Steilkurve der Bobbahn in Oberhof im Sommer)




Wenn man die Rennen im Eiskanal an der Sportstätte oder im Fernsehen verfolgt, so bleiben spektakuläre Bilder in der Erinnerung im zurück. Was empfindet ein Sportler wie Du, wenn er mit einer Geschwindigkeit von teilweise über 140 km/h mit einem Skeletonschlitten auf dem Eis dem Ziel entgegen rast und das auch noch mit dem Kopf vorn?


Wenn es eine sehr gute Fahrt ist, sieht es von außen dann auch gar nicht mehr so spektakulär aus. Im absoluten Höchstgeschwindigkeitsbereich (145Km/h) kann man auch nicht mehr viel korrigieren, weil alles so schnell geht. Dort müssen im Vorfeld die Lenkeinsätze und Kurvendurchfahrten passen. Dann kann man die Geschwindigkeit auch so richtig genießen.






Hast Du bei der Ausübung Deines Sports Verletzungen davongetragen?

Oftmals sieht der Sport aus Außenstehender gefährlicher aus als er im Endeffekt ist. Man muss schon sehr große Fahrfehler machen, um wirklich stürzen zu können. Blaue Flecken an den Armen oder Beinen sind nach Bandenberührungen keine Seltenheit. Ansonsten habe ich bis jetzt keine größeren Verletzungen in der Bahn davongetragen. Beim Athletiktraining kommt es schon ab und zu vor, dass man sich Musekelverletzungen zuzieht.


In der Wintersaison 2019/2020 hast Du kein einziges Weltcup-Rennen bestreiten können. Für fast alle war es daher eine riesige Sensation, als Du in Altenberg den Weltmeistertitel holen konntest. Mit welcher Erwartung bist Du zu dem Wettkampf gefahren und was hast Du empfunden als feststand, dass Du in diesem Jahr den Weltmeistertitel sicher in der Tasche hattest?

Vor der Weltmeisterschaft hätte ich gesagt, dass die Saison wirklich schlecht lief. Ich bin in der Saisonvorbereitung verletzungsfrei durchgekommen, was mir die Jahre zuvor nie gelungen ist. Irgendwie hatte ich aber nie die athletische Form gefunden, um das auch im Startbereich zu punkten. Anfang November konnte ich mich dann nach 6 Jahren das erste Mal nicht für den Weltcup qualifizieren und startete im zweitklassigen ICC. Ich habe von Anfang versucht die Motivation hochzuhalten, um noch eine kleine Chance auf die WM-Teinahme zu haben. zwei Wochen vor der WM konnte ich mich dann in einem Ausscheidungsrennen für den Zusatzstartplatz, der durch den Juniorenweltmeister herausgefahren worden war, qualifizieren. Ich hatte es also doch noch geschafft. Bin dann auch im Laufe der Saison am Start besser geworden und konnte an meine Fahrleistungen aus den Vorjahren anknüpfen und den Titel gewinnen.
Als ich im letzten Lauf über die Ziellinie gefahren bin, dachte ich zunächst, dass es nicht gereicht hat, weil der Lauf im Mittelteil nicht ganz fehlerfrei war. Nachdem ich dann die 1 auf der Leinwand gesehen habe, war ich einfach nur überwältigt und hatte das Gefühl, dass sie die ganze harte Arbeit ausgezahlt hat.



Wir sind ja hier an einer Deiner Trainingsstätten, an denen Du Dich auf die kommende Saison vorbereitest. Berichte unseren Lesern, wie Dein Training im Sommer und im Vorfeld der Wettkämpfe aussieht.

Im Sommer werden ja bekannter Weise die Wintersportler gemacht und so ist es auch bei uns. Unser Training ähnelt sich in vielen Dingen dem Training eines Bobfahrers. Wir machen im Frühjahr viele Trainingseinheiten, um die Grundlagen- u. Kraftausdauer zu verbessern, wie beispielsweise Treppentraining, Zirkeltraining oder Intervallläufe. In der Haupttrainingsphase machen wir wöchentlich ca. 8-10 Trainingseinheiten bestehend aus mehreren Kraft-, Sprint- u. Sprungeinheiten. Zusätzlich gehen wir mindestens einmal die Woche zum Startraining, um den Anschub auf der Bahn zu simulieren. Ab Oktober haben wir dann im Minimum 3 Bahneinheiten und die Wettkämpfe an den Wochenenden.


Corona hat in diesem Jahr, wie wir alle wissen, zu massiven Einschränkungen bei der Ausübung von sportlichen Aktivitäten und zu Absagen bzw. Verschiebungen von Sportveranstaltungen geführt. Wie weit hat Dich dies direkt betroffen?

Anfang April konnten wir nicht gewohnt im Olympia-Stützpunkt trainieren und mussten öfter das Training in den Wald verlegen. Nach mehreren Wochen durften wir aber unter Einhaltung der hygienischen Vorschriften und Auflagen das Training wie gewohnt absolvieren.






Welche Wettkämpfe können im kommenden Winter im Skeleton nach dem jetzigen Stand durchgeführt werden?

Bisher ist für uns auch eine Wettkampfsaison mit einem entsprechenden Hygienekonzept geplant.
In der heutigen Zeit kann aber natürlich niemand voraussagen, wie es in einigen Monaten aussieht.


Mit welchen Erwartungen startest Du in die neue Saison.

Ich möchte mich in dieser Saison natürlich für den Weltcup qualifizieren und dort regelmäßige Top-Ergebnisse einfahren. Die Weltmeisterschaft findet 2021, wenn alles so bleibt wie geplant, in Lake Placid statt und dort will ich selbstverständlich wieder um die Medaillen mitkämpfen. Mein großes Ziel ist die Teilnahme an den Olympischen Winterspiele 2022. Um dort erfolgreich zu sein, muss man bereits in der kommenden Saison den Grundstein legen.


Bleibt einem noch Zeit für Freunde und Familie, wenn man, wie Du, so viel Zeit in seinen Sport investieren muss, um solche Erfolge erzielen zu können?

Im Winter ist es wirklich nicht leicht die Zeit zu finden, die man gerne für seine Familie und den Freundeskreis hätte. Einige Freunde sehe ich oft in Oberhof, weil sie selbst Leistungssport treiben. Mit den anderen versucht man so gut es geht Kontakt zu halten. Meine Partnerin unterstütz mich im privaten Bereich sehr gut und nimmt mir, wenn möglich, viele Arbeiten ab. Oftmals ist es nicht leicht, den Leistungssport und das Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Ich versuche es so gut wie möglich zu schaffen.


Wie wir ja wissen, bist Du Angehöriger der Sportfördergruppe der Thüringer Polizei. Was war entscheidend für Deine Berufswahl?

Zu Beginn war ich nach dem Abitur bei der Sportfödergruppe der Bundeswehr. Nach einiger Zeit hatte ich aber das Bedürfnis eine Absicherung für die Zeit nach dem Sport zu haben. Die Sportfödergruppe der Thüringer Landespolizei bietet mir die Möglichkeit in Oberhof, an meinem Stützpunkt, zu trainieren, eine Ausbildung abzuschließen und dies alles mit dem Sport zu vereinen. Es ist eine super Lösung, um Leistungssport und Ausbildung zu verbinden.


Wie gestaltete sich Deine bisherige Ausbildung bei der Polizei?

In den Ausbildungsmonaten von März bis Juli ist es wirklich anstrengend Ausbildung und Training zu verbinden. Oftmals fahren wir bereits morgens um 06:30 Uhr zur Ausbildung nach Meiningen, kommen um 16:30 Uhr zurück und trainieren anschließend noch bis 19:30 Uhr. Danach heißt es dann, essen, lernen und schlafen. Diese Zeit ist wirklich sehr stressig, aber man bekommt sie auch hinter sich und von August bis Februar ist man dann ja auch für den Sport freigestellt. Die Ausbildung zieht sich aufgrund der Freistellungsphasen über 4 Jahre, welche ich dieses Jahr beenden werde.


Hast Du schon Pläne für die Zeit nach Deiner sportlichen Kariere?

Nach meiner sportlichen Karriere werde ich ganz normal im mittleren Dienst einsteigen und möchte zukünftig noch den Laufbahnwechsel in den gehobenen Dienst machen.


Interview: Manfred Schäfer
Fotos: Manfred Schäfer